Die Lüge (2)

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In Teil 2 wird viel Aufhebens um die Herkunft einer Uhr gemacht. Sonnbichler kündigt an, dass die Beziehung vorbei ist, woraufhin seine Geliebte ihm unter Tränen bis zum Aufzug folgt.

Der Junge schwieg einige Sekunden lang und überlegte.
Dann sagte er: »Hubert, wenn du mir versprichst, dicht zu halten, verrate ich dir das Geheimnis.«
»Natürlich!«
»Indianerehrenwort; auch gegenüber Mama?«
»Klar, mein Ehrenwort.« Sonnbichler lächelte, denn nun würde er die Regeln des Spiels bestimmen.
»Du kreuzt auch nicht die Finger hinter dem Rücken?«
»Ärgere mich nicht. Ich bin der Ältere, und du musst mir vertrauen.«

Marian blickte auf den Boden und rang innerlich mit sich. Dann schaute er Sonnbichler mit klaren Augen ins Gesicht. Gut aussehen tut der Bengel, das Ebenbild seiner Mutter, überlegte indessen der Vize- Abteilungsleiter.

Das Geheimnis der Uhr wird aufgelöst

»Die Uhr hat mir mein Papa vorgestern mitgebracht.«
»Dein Vater? Aber der ist doch in Rumänien, dachte ich.«
»Ja schon. Aber vor drei Tagen ist er in Bukarest losgefahren, um uns zu besuchen.«
»Was will er denn hier? Der hat doch seit Jahren nichts von sich hören lassen.«
Auf Sonnbichlers quadratischer Stirn bildeten sich zwei Unmutsfalten.
»Das stimmt nicht. Er hat die ganze Zeit Kontakt gehalten.«
»Wie das denn?«
»Über Oma und Opa.«
»Die wussten davon? Und eure Mutter?« Sonnbichlers Entrüstung nahm von Sekunde zu Sekunde zu.

»Der haben wir nichts davon erzählt. Die hätte sich ansonsten zu sehr darüber aufgeregt. Sie will ja nicht, dass du eifersüchtig wirst.« Marian starrte verlegen an die Wand hinter dem Geliebten seiner Mutter.
»Eifersüchtig: ich? Auf wen: einen dahergelaufenen rumänischen Tagelöhner, der seit Jahren keinen Unterhalt überweist? Dass ich nicht lache.« Sonnbichler redete in diesem Moment lauter und schneller, als er es für gewöhnlich tat. Dann sprang mit einem Satz, den man dem massigen Mann nicht zugetraut hätte, vom Sofa auf und lief empört im Wohnzimmer hin und her.

Alle haben sich gegen Sonnbichler verschworen

»Hat er sonst noch was erzählt, euer Vater? Beispielsweise über mich?« Er stoppte abrupt vor Marian, baute sich in voller Größe vor dem Jungen auf und packte ihn mit beiden Händen an den Schultern.
»Nein, hat er nicht.« Marian schüttelte sich und wollte Sonnbichler loswerden. Der aber umklammerte ihn mit eisernem Griff.
»Du lügst«, zischte er.
»Tue ich nicht!«
»Wenn ich mein Ehrenwort halten soll, dann musst du mir die Wahrheit gestehen.«
Marian schluckte; dann flüsterte er: »Papa hat gesagt, dass du der Mama nicht gut tust.«
»Wie meint er das?«
»Na ja, sie sei immer so traurig und würde uns oft weggeben. Eine zufriedene Mutter würde das nicht tun. Sie wäre wahrscheinlich sehr unglücklich mit dir.«
»Wie kommt er darauf? Er hat euch doch seit Jahren nicht gesehen?«
»Oma und Opa telefonieren einmal die Woche mit ihm.«
»Ja, hat sich denn die gesamte rumänische Sippschaft gegen mich verschworen?«

»Hallo Schatz. Weshalb schreist du? Ist irgendwas passiert?« Unbemerkt war Anuta Dumitrescu zur Tür hereingetreten.
»Das ist heute Abend wohl mein gutes Recht«, schnaubte Sonnbichler.
»Ich verstehe nicht.« Die Mutter blickte fragend in die Runde.
»Dein Mann ist seit gestern in der Stadt und verbreitet Lügenmärchen über mich.«

»Pst … sei still … du hattest doch versprochen.«
Marian legte mit verzweifelter Geste den Finger auf die Lippen.
»Vorlauter Bengel, merkst du nicht, dass sich hier zwei Erwachsene unterhalten?«
»Hubert, was ist los? Warum bist du dermaßen erregt?«
»Weshalb ich erregt bin: das fragst du mich allen Ernstes? Was soll ich davon halten, dass dein Ex hier reinschneit und alle Bescheid wissen außer mir?«

Sonnbichler geriet immer mehr in Rage über seine rumänische Freundin und deren unverfrorene Familie. Er bebte geradezu vor Zorn. Vierundneunzig Kilo verteilt auf Ein-Meter-Zweiundachtzig stampften über den Parkettboden. Die hängenden Wangen des Abteilungsleiters in spe waren gerötet, aus seinen Augen schossen beleidigte Blitze.

»Du musst dich irren, Hubert. Pascu hat Bukarest seit langer Zeit nicht verlassen.«
»Von wegen. Dein durchtriebener Sohn hat es mir gerade gesteckt. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit will er mich zum Komplizen machen. Aber nicht mit mir!«
»Marian, was tust du? Warum hast du Geheimnisse vor mir?« Anuta starrte ihren Sohn fassungslos an.
»Kei … keine Ahnung. Oma und Opa wollten es dir erst morgen erzählen. Als Überraschung.«

Die Lüge

»Siehst du: was das für eine Verschwörung ist? Wem von euch kann ich noch trauen? Unglücklich seid ihr angeblich. Weil du mich kennst. So was erzählt der feine Ex-Gemahl hinter meinem Rücken. Und ich … ja ich bin natürlich der glücklichste Mann auf der Welt. Von wegen. Vor lauter Sorgen weiß ich kaum noch, wo mir der Kopf steht.« Schwer atmend vergrub Sonnbichler seine schweißnasse Stirn in den Handflächen.
»Du hattest dein Ehrenwort gegeben«, schluchzte Marian.
»Meine Sonnbichler-Ehre vertraue ich einem Lügner an. So weit kommt es noch. Von wegen. Wie der Vater, so der Sohn. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.«

»Hubert, er ist noch ein Kind. Beherrsche dich!«
»Nimmst du den kleinen Teufel auch noch in Schutz. Ihr seid alle gleich, ihr Zigeuner. Wenn man euch nur einen Finger reicht, dann hackt ihr einem gleich die ganze Hand ab. Ich hätte es von Anfang an besser wissen müssen. Ich war einfach zu gutmütig.«
»Hubert!«
»Ach was. Ich habe genug von dir und dieser Rumlügerei. Ich gehe jetzt. Und zwar für immer. Mich wirst du nie mehr wiedersehen.«

Sonnbichler schnappte sich sein dunkelgraues Jackett, das er vorhin über die Stehlampe geworfen hatte, und verließ grußlos die Wohnung seiner Freundin. Anutas Augen bekamen einen feuchten Glanz. Stumm blickte sie ihrem Geliebten hinterher, dann drehte sie sich zu Marian um und gab ihm eine schallende Ohrfeige: »Du und dein Vater, ihr habt alles kaputt gemacht.« Danach lief sie schluchzend aus dem Wohnzimmer hinaus.

Marian setzte sich zu Ilariana, die mit offenem Mund am Esstisch gesessen und zugehört hatte, und erklärte ihr, wie er gerade betrogen worden war. Er zitterte, stotterte und weinte. Zum ersten Mal in seinem Leben hatte er die rohe Bekanntschaft mit der Lüge gemacht. Es gab in der Welt der Erwachsenen Dinge, für die er in seiner kindlichen Sprache noch keinen passenden Begriff kannte.

Abruptes Ende einer nicht standesgemäßen Beziehung

Ihre Mutter kam aus der Küche zurück und rannte Sonnbichler hinterher. Vor dem Lift holte sie ihn ein.

»Hubert«, sagte sie, »Lass uns nicht so eiskalt voneinander scheiden.«
Sonnbichler, der in diesem Moment überlegt hatte, ob er Hinterfalter bereits an diesem Abend oder erst morgen nach dem Frühstück anrufen sollte, um den Noch-Chef über das Ende seiner Beziehung zu informieren, wendete sich überrascht um. »Anuta, mach es nicht noch schlimmer als es ohnehin schon ist. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie elend ich mich nach all dieser Heuchelei fühle.«
»Doch, das kann ich, mein Engel«, hauchte sie und lehnte ihren Kopf an seine Brust.

Sonnbichler, wieder halbwegs versöhnt und schwankend, was er mit dem angebrochenen Abend noch anfangen sollte, erwiderte: »Du kannst ja nichts dafür. Letztlich bist auch du von deinem Mann, dem Sohn und den Großeltern betrogen worden. Ganz furchtbar finde ich das.«
»Werden wir uns denn in Zukunft hin und wieder treffen?«
»Vielleicht. Aber nicht mehr so oft wie bisher. Wenn du die Kinder jetzt zu deiner Freundin bringen würdest, könnte ich heute bei dir bleiben. Dann wärst du nicht alleine.«

»Natürlich, mein Ein und Alles«, raunte sie ihm ins Ohr, und Sonnbichler griff ihr reflexartig mit der Hand unter den Rock. Anuta stöhnte lustvoll auf, holte das hinter dem Rücken versteckte Messer hervor und durchtrennte ihrem Geliebten mit einem einzigen Schnitt die Halsschlagader. Sonnbichler glotze blöde, sank in die Knie und verblutete vor der geöffneten Aufzugstür wie ein geschächtetes Tier.

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Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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