Der dauergeile Messie (3)

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Zum Schluss putze ich das Badezimmer. Ich entdecke Schore & Martial-Arts-Comics und kotze mir wegen benutzter Tampons die Seele aus dem Leib. Nachts träume ich von einer Riesenflasche Bourbon, die mich verfolgt. 

»Weshalb bist du so früh bei mir? Stress mit deiner neuen Freundin?« Ich schaute Johannes neugierig an.
»Die blöde Kuh hat mich um sechs Uhr rausgeworfen.«
»Warum? Ich dachte, ihr feiert fröhlich euren Honeymoon.«
»Sie meint, ich würde nie genug kriegen.«
»Seit wann bist du so unersättlich? Schluckst du Viagra?«
»In meinem Alter?« Johannes lachte kurz. »Das ist was für Senioren wie dich.«
»Und dann bist du auf die glorreiche Idee gekommen, mir gemeinsam mit deinem Leibwächter einen kleinen Besuch abzustatten?«
»Genauso.«

Lauwarmer Instant-Kaffee und benutzte Tampons

»Gib her!« Ich riss Johannes eine Laugenstange aus der Hand, bevor er sie zum Mund führen konnte und biss herzhaft hinein.
»Jedem anderen hätte ich dafür meine Faust auf die Nase gedonnert. Aber dir gönne ich es. Lass es dir schmecken.«
»Charly und ich machen jetzt einen Spaziergang mit Aramis. Willst du uns begleiten? Lernst du die Gegend kennen.«
»Nein danke. Ich kümmere mich um den Rest der Aufräumaktion. Will irgendwann fertig werden.«
»Vernünftig. Pass im Bad auf, da könnten Glassplitter rumliegen.« Johannes winkte dem Pickelgesicht und ging Richtung Tür. Aramis bellte, weil er noch ein Brötchen haben wollte.

»Halt’s Maul!«, rief Charly und zerrte an der Leine. Johannes zappte derweil auf seinem goldenen iPhone … »Den Song schon gehört? Gestern erst erschienen.«
Bushido rappte: »Fick die Polizei …«
»Was für ein monotones Gewäsch. Schrecklich. Meine Spülmaschine klingt melodischer.«
»Du bist ein alter Mann und hast keine Ahnung.« Johannes bugsierte Charly mitsamt Hund nach draußen und verschwand grußlos. Ich blieb alleine im Chaos zurück.

In der Küche fegte ich Salzstangen und Popcorn vom Herd und setzte heißes Wasser auf. Das kippte ich in die einzige saubere Tasse, die im Regal stand und rührte das Kaffeepulver direkt hinein. Das Zeug schmeckte scheußlich, war aber warm und machte mich endlich wach. Ich beschloss, mit dem Bad zu beginnen, damit ich später am Nachmittag duschen konnte. Die fünf Quadratmeter konnten nicht allzu lange dauern. In der Wanne schwammen ungeöffnete Briefe und Zigarettenkippen in einer braunen Brühe. Ich entzifferte: Natalya Olschweski. Das war die Frau, die vor mir in Johannes Bude gewohnt hatte. Vermutlich eines seiner vielen Bumsverhältnisse. Dauerten bei ihm im Durchschnitt vier Wochen, dann war die Luft raus aus den Beziehungen. Von Aufräumen und Putzen hatte die Gute wenig gehalten. Es sah wirklich in jeder Ecke aus wie Sau. Ohne auf die Etiketten und den Inhalt zu achten, warf ich sämtliche Toilettenartikel in einen Pappkarton.

Als ich in den kleinen Schrank unter dem Waschbecken hineingriff, spürte ich einen gallertartigen Wattehügel unter meinen Fingern. Blitzartig zog ich die Hand wieder heraus. Als ich genauer hinsah, schluckte ich und bemerkte, wie das Schokocroissant langsam nach oben stieg. Ich war nun an der Grenze der Belastbarkeit meines Magens angelangt. Zwei Dutzend blutgetränkte Tampons kullerten mir entgegen. »Bah, ist das eklig«, fluchte ich, bevor ich den Klodeckel hochriss und mir das Frühstück aus dem Leib kotzte. Obwohl ich seit Monaten nicht mehr soff, kam es mir so vor, als ob mein Erbrochenes nach Bier stank.

Wer war die geheimnisvolle Vormieterin?

Ich spülte drei Mal ab und kippte eine komplette Flasche WC-Reiniger hinterher, um die Fäkalienreste, die an den Rändern klebten, einzuweichen. Dort, wo ich die Bürste vermutete, entdeckte ich einen Stapel Kampfsportmagazine mit dem Titel »Martial Arts«. Wahrscheinlich hatte Johannes die beim Scheißen durchgeblättert. Er mimte gerne den Superharten und Obercoolen. Seit neun Monaten lebte er jetzt bei seiner Mutter, weil die gut kochte und sich um den lästigen Schriftverkehr kümmerte. In dem Verhau, den ich seit gestern aufräumte, war er ein Dutzend Mal rückfällig geworden und mied die Wohnung seitdem wie ein gläubiger Moslem den Schnaps. Trennen wollte er sich aber auch nicht von dem kleinen Zimmer, weshalb er es immer wieder an Freunde, die einen schnellen Unterschlupf benötigten, untervermietete.

Unter dem Korb mit der schmutzigen Wäsche lagen zwei zersplitterte Spritzbestecke. In Natalyas Schminkkoffer fand ich eine 100-er Packung Diazepam und zwei durchsichtige Beutelchen mit hellbraunen Kristallen. Unter der Heizung flogen Kondome rum. Ich rief Johannes an.

»Was ging ab in deiner Bude?«
»Weiß nicht, was du meinst.«
»Du verstehst mich schon ganz gut, du kleiner Dealer. Was hast du der Untermieterin alles besorgt?«
»Ach Natalya. Völlig durchgeknalltes Huhn. Ist auf Schore. War froh, als die endlich auszog.«
»Und ihren Stoff hat sie vergessen? Glaube ich kein Wort von.«
»Na ja, ich habe sie etwas unsanft vor die Tür gesetzt.«
»Nachdem dir das Vögeln mit ihr langweilig geworden ist.«
»Wie denkst du von mir?«
»Realistisch. … Wohin jetzt mit dem Zeug?«
»Nimm’s selber.«
»Sehr witzig. Ich bin Alki, kein Junkie.«
»Verschenk es. Wirf’s ins Klo. Dir wird schon ein Verwendungszweck einfallen. Ich muss Schluss machen. Hab’ss eilig. Bin gleich mit Tatjana verabredet.«
»Habt ihr euch wieder versöhnt. Freut mich für dich.«
»Sie will es noch ein paar Mal von mir besorgt haben. Das heute Früh war ein dummes Missverständnis.«

Es tutete. Johannes hatte aufgelegt. Fünfzig Prozent seines Spatzengehirns war vierundzwanzig Stunden am Tag mit Fickgedanken ausgelastet. Die andere Hälfte beschäftigte sich mit Kampfsport. Ich konnte ihn trotzdem gut leiden. Er war ein netter Kerl und stets loyal zu seinen Freunden. Wenn man in der Patsche saß, so wie ich mit meiner Wohnung, half er sofort. Was wusste ich, wer von den zwei den anderen ausgenutzt hatte. Vielleicht hatten sie beide für ein paar Wochen voneinander profitiert. War zwecklos, mir darüber einen Kopf zu machen.

Alkoholträume

Von der Nachbarin mit dem grünen Bademantel lieh ich mir einen Staubsauger. Dann schrubbte ich die Kacheln in Bad und Küche. Die Glassplitter entsorgte ich im Mülleimer, Pillen und die kleinen Plastikbeutel warf ich in einen Altglascontainer. Schränke und Regale besprühte ich mit Sagrotan. Schließlich schüttete ich Essigreiniger auf den Boden und wischte zwei Stunden lang den Dreck vom Laminat. Nachdem ich das Bettzeug gewechselt und meine Koffer verstaut hatte, fiel ich erschöpft aufs Laken. »Nie mehr werde ich die Wohnung eines dauergeilen Messies übernehmen«, schwor ich, bevor mich der Schlaf übermannte. Ich träumte wirres Zeug von Zombies mit Atomtitten, die Russisch sprachen, einer Riesenflasche Bourbon, die mich verfolgte und sah mich auf der Intensivstation mit hundert Schläuchen, die wie Tentakel aus meinem Bauch wucherten. Schweißgebadet und mit wild klopfendem Herzen wachte ich mitten in der Nacht auf und zog mir ein neues T-Shirt an.
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Bild von OpenClipart-Vectors auf Pixabay

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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