Die alte Schulfreundin (2)

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Ich besuche Vera zu Hause, ihr Mann liegt betrunken auf dem Sofa und beschimpft uns beide. Ich erzähle meiner Bekannten, was sie machen muss, damit sie den Kerl für 14 Tage in ner Klinik behalten.

August. Veras Reiheneckhaus am Stadtrand. Donnerstag. Früher Abend.
»Henning, schön dass du gekommen bist «
»Wir haben ja oft genug darüber gesprochen, Vera.«
»Möchtest du was trinken?«
»Ne Cola oder einen Kaffee. Was halt da ist.«
»Ich habe einen neuen Automaten von Saeco. Macht auch guten Cappuccino oder Mokka.«
»Dann gerne einen doppelten Espresso.«

Früher Kunden in angesagten Clubs, heute Freier in nem Wohnmobil

Vera und ich hatten uns hin und wieder in der Stadt zu einem Eis oder auf einen Latte Macchiato getroffen. Dreimal hatte ich sie abends von ihrem Arbeitsplatz im alten Gewerbegebiet abgeholt. Der Straßenstrich gegenüber dem Eingangstor der großen Spedition. Sie bediente ihre Freier in einem abgewrackten Wohnmobil für fünfzig oder hundert Piepen. Halt in Abhängigkeit davon, welche Serviceleistungen die Kunden in Anspruch nahmen. Manche forderten ungeschützten Verkehr von ihr. Die schmiss sie aber hochkant raus. Vera war zu alt und erfahren, als sich noch den Risiken von Tripper oder gar HIV auszusetzen. Beim zweiten Treffen lud sie mich zu einer Runde Chicken McNuggets und Erdbeer Milchshakes in ihren Caravan ein. Die klebrige Matratze im Fond machte dabei keinen einladenden Eindruck auf mich.

»Wo liegt das Sorgenkind, Vera?«
»Wie immer im Wohnzimmer auf der Couch.«
»Ist er noch ansprechbar?«
»Jetzt klappt’s noch. In spätestens zwei Stunden geht dann gar nichts mehr.«
»Dann lass mich nun alleine ihm reden. Damit er nicht den Eindruck hat, wir beide würden ihn in die Zange nehmen.«
»Ist gut, Henning. Ich räume derweil die Küche auf.«

Veras Mann ist misstrauisch

Veras Probleme mit Horst hatten sich seit unserem ersten Wiedersehen vor einigen Wochen nicht gelegt. Wie auch? Ihr Mann soff seit Monaten wie ein Loch. Den Alkohol bekam er aus eigener Kraft nicht mehr quitt. Ohne professionelle Hilfe würde er weitermachen wie bisher. Das war so sicher wie das Amen in der Kirche.
»Hallo Horst. Lerne ich dich auch mal kennen. Kann ich mich kurz zu dir setzen?«
»Von mir aus. Du bist Henning, Veras Schulfreund?«
»Kann man so sagen: ja.«
»Möchtest du was trinken? Bedien dich.« Horst zeigte auf zwei aufgerissene Sixpacks mit Plastikbier vom Aldi, die neben dem Sofa standen.
»Nett von dir. Aber ich bin seit einiger Zeit trocken. Deine Frau hat mir einen Kaffee gemacht.«

»Schläft sie mit dir?«
»Nein, wie kommst du darauf?«
»Weil die alte Schlampe den ganzen Tag über wild rumvögelt.«
»Rede nicht so von Vera. Das ist hartverdientes Geld.«
»Soll sie sich einen anderen Job suchen, das Luder.«
»Das ist in ihrem Alter nicht so einfach. Weshalb gehst du denn nicht arbeiten, Horst?«
»Ich bin schwerbehindert.« Horst kippte eine Flasche Bier in einem Zug hinunter und stieß einen Rülpser aus.
»Was fehlt dir denn?«
»Rücken kaputt, Diabetes Typ 2, Depressionen.«
»Du säufst zu viel. Sobald du damit aufhörst, wirst du dich nach wenigen Wochen deutlich besser fühlen.«

»Hat Vera dich zu mir geschickt, um mir ins Gewissen zu reden? Sie treibt’s mit dir; da wette ich meinen Arsch drauf.«
»Horst, deine Frau macht sich große Sorgen um dich. So kann es nicht weitergehen mit dir. Du musst was unternehmen.«
»Was denn?«
»Ein paar Tage in die Entzugsklinik.«
»Scher dich zum Teufel, du Hilfsprediger!«
»Du nässt dich gerade ein, Horst. Die Brühe läuft dir schon auf den linken Pantoffel. Wird höchste Zeit, dass Vera handelt. Wir verplempern nur unsere Zeit mit dem Gequatsche.«
»Lasst mich bloß alle in Ruhe! Ich komme prima alleine zurecht.«

Manchmal muss man tricksen, um Leute in die Klinik zu verfrachten

»Und, was hat er gesagt?«
»Vera, du hast sicherlich hinter der Tür gelauscht. Da brauche ich doch nicht alles zu wiederholen.«
»Was sollen wir nun tun, Henning?«
»‚Wir’ ist gut. Es ist dein Mann, nicht meiner.«
»Ich weiß mir wirklich keinen Rat mehr.« Vera hatte mit einem Mal Tränen in den Augen.
»Du wirst nicht gerne hören, was ich dir jetzt sagen
werde.«

»Alles ist besser als der jetzige Zustand. Das halte ich nicht mehr lange aus.«
»Du lässt deinen Mann einweisen.«
»Wie soll das gehen?«
»Indem du den Rettungsdienst anrufst und denen erklärst, Horst habe gedroht, sich selber was anzutun.«
»Das kann ich nicht, Henning.« Vera starrte mich ungläubig an.
»Keine Sorge, du schaffst das schon.«

Von der Couch her schrie Horst: »Ich habe nichts mehr zu trinken. Du musst Nachschub besorgen, Vera.«
Ich antwortete ihm: »Mach’s selber, oder kannst du nicht mehr laufen? Notfalls musst du auf allen vieren zum Kiosk krabbeln. Klappt alles, wenn der Durst übermächtig wird.«
»Soll ich die 112 wählen?« Vera war nervös. Drückte ihre nur halbgerauchte Zigarette im Aschenbecher aus und zündete sich umgehend eine neue an.
»Das bringt jetzt nichts. Dein Mann ist noch nicht betrunken genug. Dann besteht die Gefahr, dass sie ihn nicht mitnehmen. Hast du Schnaps im Haus?«
»Ja.«
»Dann bring ihm die Flasche und lass uns warten. In circa einer Stunde müsste es soweit sein.«

Im Flur hingen eingerahmte Fotos an der Wand. Die Familie in glücklichen Tagen. Vera mit Mann. Mutter mit Tochter. Einige Portraitaufnahmen.
»Kennst du meine Tochter Melissa, Henning?«
»Nur vom Hörensagen. Ist ein bildhübsches Mädchen. Wohnt die bei euch?«
»Sie ist vor zwei Jahren ausgezogen. Das war auf Dauer zu anstrengend mit ihrem Vater.«
»Kann man ihr nicht verdenken. Mein Sohn ist im vergangenen Sommer ein paar Mal mit ihr ausgegangen. Hat mir die Tochter verraten.«

Trügerische Ruhe für maximal 12 Tage

Horst hatte den Wodka geleert und lag schnarchend auf der Couch. Vera rief die Notfallzentrale an und orderte einen Rettungswagen.
»Die sind in rund fünfzehn Minuten hier. Da kann ich noch ein paar Sachen für die Klinik packen.«
»Lass mich mit den Typen sprechen. Sie nehmen ihn dann auf jeden Fall mit. Aber länger als drei Tage werden sie ihn nicht dabehalten. Sobald er ausgenüchtert ist und wieder stehen kann, lassen sie
ihn laufen. Es sei denn …« Ich unterbrach meine Rede und blickte Vera an.
»Was? Nun mach es nicht so spannend, Henning.«

»Du bewirkst einen richterlichen Beschluss. Wegen beispielsweise konkreter Selbstmordabsicht.«
»Das geht? Wie lange werden sie ihn dann einkassieren?«
»Zehn Tage. Maximal drei Wochen.«
»Wenn er wieder rauskommt, schlägt er mich grün und blau. Horst ist kräftig, auch wenn er heute nicht so aussah.«
»Du wechselst die Schlösser aus.«
»Henning, das ist unser gemeinsames Haus.«
»Das du finanzierst, während er im Wohnzimmer auf den Teppich pinkelt. Vera, entweder versteht dein Mann den Wink mit dem Zaunpfahl, oder er wird es so schnell nicht lernen. Ein zweites Mal werde ich nicht vorbeikommen, um dir zu helfen. Heute oder nie.«
»Okay. Unter einer Bedingung: sobald Horst auf freiem Fuß ist, ziehe ich für ein paar Tage zu euch. Melissa sagt, dass dein Sohn gut kochen kann.«
»Auch das noch? Klingt aber vernünftig. Allerdings nicht länger als maximal eine Woche!« Ich seufzte.
Hätte ich eigentlich vorhersehen müssen, dass Vera diesen Wunsch äußern würde.

Es klingelte. Die Sanitäter standen in der Tür.

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Bild von Fernando Latorre auf Pixabay

Henning Hirsch

Betriebswirt und Politologe, Comicleser, Filmjunkie, Bukowski- und FC- (es gibt nur einen FC: nämlich den aus Köln) Fan, trockener Alkoholiker. In die Abstinenz startete er mit einem Roman: Saufdruck. Seitdem tippt er abends Kurzgeschichten und Gedichte. Da die Schreiberei alleine nicht satt macht, verdient er tagsüber seine Kaltmiete und die Kühlschrankfüllung mit Marketing & Orga. Henning Hirsch lebt im Bonner Süden und ist Vater von drei Kindern.

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